Straßenlärm: mehr als nur lästig

Wer an einer stark befahrenen Straße wohnt, hat sich meist an das Hintergrundrauschen gewöhnt. Doch das Herz gewöhnt sich nicht daran, wie eine aktuelle Studie belegt.

Verkehrslärm gehört zu den verbreitetsten Umweltbelastungen in Europa. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt er im Allgemeinen als lästig, aber letztlich harmlos. Dieses Bild muss nach einer Untersuchung der Universitätsmedizin Mainz gründlich revidiert werden. Die Forschungsgruppe um Dr. Omar Hahad hat in einer kontrollierten Studie nachgewiesen, dass schon eine einzige Nacht mit mäßigem nächtlichem Straßenverkehrslärm die Herzfrequenz erhöht, die Gefäßfunktion beeinträchtigt und Veränderungen in Proteinen auslöst, die an Immun- und Stresssignalwegen beteiligt sind. Die Ergebnisse sind in der renommierten Fachzeitschrift „Cardiovascular Research“ erschienen.

Die Forscher hatten bei 74 Teilnehmenden zwischen 18 und 60 Jahren in deren privaten Schlafzimmern unterschiedliche Situationen simuliert – Nächte mit und ohne künstlich eingespielten Verkehrslärm. Schon Lärmpegel von durchschnittlich rund 41 bis 44 Dezibel – Werte, die bisher als vergleichsweise unbedenklich galten – lösten dabei messbare Stressreaktionen im Körper aus. Zum Vergleich: Ein normales Zimmergespräch liegt bei etwa 50 Dezibel, leises Blätterrauschen bei 20. Was die Studie so brisant macht: Die gemessenen Lautstärken liegen unterhalb der geltenden Grenzwerte – und reichen dennoch aus, um biologisch nachweisbare Spuren zu hinterlassen.

„Lärmbelastung ist keine Bagatelle“
„Diese Befunde zeigen, dass Lärm keine Bagatelle ist, wenn es um die Herzgesundheit geht. Im Schlaf kann der Körper sich vor äußeren Reizen nicht schützen – das vegetative Nervensystem reagiert auf jeden Lärmstoß mit einer Stressantwort, die Herzfrequenz und Gefäßspannung beeinflusst“, erläutert der in Berlin-Prenzlauer Berg praktizierende Kardiologe und Internist Peter Hoffmann. „Wer Nacht für Nacht solchen Belastungen ausgesetzt ist, trägt dauerhaft ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall.“

Ein Wegzug aus lärmbelasteter Umgebung ist indes nicht leicht zu realisieren und nur für wenige Betroffene eine Option. Schutzlos sind sie deshalb aber nicht. Schallschutzfenster, die konsequente Nutzung von Schlafzimmern zur ruhigeren Straßenseite sowie das Abdunkeln und Abkühlen des Schlafraums – all das kann die Schlafqualität und damit die nächtliche Erholung des Herzens verbessern. Darüber hinaus lohnt es sich, bekannte Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und Bewegungsmangel regelmäßig kardiologisch kontrollieren zu lassen. Denn wer einem Umweltrisiko wie Lärm nicht vollständig aus dem Weg gehen kann, sollte die beeinflussbaren Risikofaktoren umso konsequenter im Griff behalten.