Können Smartwatches und Apps zuverlässig Herzprobleme erkennen?

Millionen Deutsche tragen inzwischen eine Smartwatch, die nicht nur die Zeit zeigt, sondern den Puls misst, EKGs aufzeichnet und vor Herzrhythmusstörungen warnen soll. Eine große Studie zeigt nun den möglichen Nutzen und die Grenzen der neuen Technologien auf.

Schrittzähler waren gestern – moderne Smartwatches können heute ein Einkanal-EKG ableiten, Herzfrequenz und Schlafqualität kontinuierlich aufzeichnen und bei unregelmäßigem Herzrhythmus automatisch eine Warnung ausgeben. Manche Modelle messen sogar den Blutdruck, ganz ohne Manschette, direkt am Handgelenk.

Das vielversprechendste Anwendungsfeld ist die Erkennung von Vorhofflimmern – der häufigsten anhaltenden Herzrhythmusstörung, von der allein in Deutschland schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen betroffen sind. „Das Tückische am Vorhofflimmern ist, dass es oft ohne eindeutige Beschwerden auftritt und deshalb lange unbemerkt bleibt – bis ein Schlaganfall oder eine Herzschwäche das erste sichtbare Zeichen setzt“, erklärt der in Berlin-Prenzlauer Berg praktizierende Kardiologe und Internist Peter Hoffmann.

Genau hier kann eine Smartwatch nützlich sein. In einer großen Studie, federführend von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität durchgeführt, wurden durch den Einsatz einer Gesundheits-App doppelt so viele behandlungsbedürftige Fälle von Vorhofflimmern entdeckt wie bei gewöhnlichen Vorsorgeuntersuchungen. Eine randomisierte niederländische Studie zeigte zudem, dass die EKG-Funktion einer gängigen Smartwatch Vorhofflimmern in 95 Prozent der gemessenen Fälle korrekt identifizierte.

Kein Ersatz für ärztliche Diagnostik
Angesichts solcher Ergebnisse fragt sich nun womöglich so mancher Patient, ob die Uhr ihm nicht einen Teil der ärztlichen Kontrolle abnehmen kann. Das wäre jedoch eine sehr riskante Schlussfolgerung. Denn das Einkanal-EKG, das eine Smartwatch ableitet, ist ein Momentbild – aussagekräftig genug, um einen Verdacht zu wecken, aber weit entfernt von der diagnostischen Tiefe eines klinischen Zwölf-Kanal-EKGs oder eines Langzeit-EKGs über 24 oder 48 Stunden. Tritt Vorhofflimmern nur sporadisch auf, besteht ein hohes Risiko, dass es von den punktuellen Messungen der Uhr nicht erfasst wird.

Noch kritischer ist die Situation beim Blutdruck. Messungen am Handgelenk ohne Manschette sind technisch aufwendig und bisher fehleranfällig – Temperatur, Körperhaltung oder ein schlecht sitzender Gurt können die Ergebnisse verfälschen. Kardiologisch validierte Blutdruckmessungen am Handgelenk existieren zwar, sind aber noch die Ausnahme. Als dauerhafter Ersatz für die klassische Oberarmmessung mit einem geprüften Gerät taugen die meisten Smartwatch-Funktionen derzeit nicht.

So hilfreich die neuen Geräte auch sein können: Sie sollten immer als zusätzliche Hinweisgeber verstanden werden, nicht als Ersatz für eine ärztliche Diagnose. Kardiovaskulär gefährdete Nutzer tun gut daran, sich nicht in falscher Sicherheit zu wiegen. Bei starken Brustschmerzen und dem Verdacht auf einen Herzinfarkt wäre es fahrlässig, erst auf eine Smartwatch-Messung zu warten. Hier gilt das Altbewährte – sofort den Notruf wählen.