Gut versorgt nach dem Infarkt – schlecht geschützt davor

Deutschlands Gesundheitssystem gilt als führend. Doch wer noch keinen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hat, fällt bei der kardiologischen Prävention leicht durchs Raster. Dabei läge hier der wirksamste Hebel.

Gefäßschäden entstehen nicht plötzlich. LDL-Cholesterin, dauerhaft erhöhter Blutdruck, Rauchen: Diese Risikofaktoren hinterlassen ihre Spuren jahrzehntelang und lautlos in den Arterien, lange bevor man Beschwerden bemerkt. Auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, der im Juni 2026 in Mannheim stattfand, rückte genau dieser Prozess in den Mittelpunkt – und mit ihm eine unbequeme Frage: Warum wird erst dann behandelt, wenn der Schaden bereits eingetreten ist?

„Kardiovaskuläre Erkrankungen kündigen sich selten mit Schmerzen an. Bluthochdruck wird nicht umsonst als ‚stiller Killer‘ bezeichnet. Er schädigt Herz und Gefäße über Jahre hinweg, ohne dass Betroffene etwas spüren“, erläutert der in Berlin-Prenzlauer Berg niedergelassene Kardiologe und Internist Peter Hoffmann. „Deshalb sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen so wichtig: nur wer seine Risikofaktoren kennt, kann gezielt gegensteuern.“

Frühzeitig handeln zahlt sich aus
Die auf dem Kongress präsentierten Daten zeichnen ein klares Bild: Das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, wächst proportional zur lebenslangen Belastung durch erhöhte Blutfettwerte. Wer früh behandelt wird, profitiert dabei nicht nur während der Therapie, sondern darüber hinaus – Wissenschaftler bezeichnen diese anhaltende Wirkung als Legacy-Effekt. Auswertungen der britischen UK Biobank belegen, dass ein früher Therapiebeginn zur LDL-Senkung das Risiko für Herzinfarkt und koronaren Herztod, verglichen mit einer erst später einsetzenden Behandlung, um 32 Prozent verringert.

Zugleich zeigen aktuelle Versorgungsdaten aus Deutschland, dass diese Erkenntnis im Praxisalltag noch nicht angekommen ist: Gut drei Viertel aller Hochrisikopatienten ohne bisheriges Herzinfarkt- oder Schlaganfallereignis erhalten keine leitliniengerechte Therapie ihrer Blutfettwerte. Dabei demonstriert die VESALIUS-CV-Studie eindrücklich, was möglich wäre: Durch eine gezielte medikamentöse Absenkung des LDL-Cholesterins ließ sich das Herzinfarktrisiko in dieser Patientengruppe um 36 Prozent reduzieren.

Es lohnt sich also, die eigene Herzgesundheit früh in den Fokus zu nehmen und auch ohne schwere Symptomatik regelmäßig die relevanten Werte checken zu lassen. Denn die beste Zeit für kardiovaskuläre Vorsorge ist die, bevor irgendetwas passiert.