Frauen werden seltener von Ersthelfern wiederbelebt

Viele potenzielle Ersthelfer haben bei Frauen mit Herzstillstand Hemmungen, den Oberkörper frei zu machen und für eine Herzdruckmassage die Brüste zu berühren – aus Angst, damit übergriffig zu werden. Doch im Notfall ist beherztes Eingreifen überlebenswichtig.

Man kennt den „Gender Pay Gap“ und den „Gender Pension Gap“, Begriffe, mit denen strukturelle (in diesem Fall wirtschaftliche) Unterschiede zwischen den Geschlechtern bezeichnet werden. Weniger bekannt ist hingegen, dass es sich auch bei einem Herzstillstand nachteilig auswirken kann, eine Frau zu sein. Denn bei der Wiederbelebung durch Laien gibt es ebenfalls eine Kluft, gewissermaßen einen „Gender Resuscitation Gap“: Eine US-kanadische Studie offenbarte, dass nach einem Herzstillstand in der Öffentlichkeit 61 Prozent der Frauen eine Herzdruckmassage durch Ersthelfer erhielten, aber 68 Prozent der Männer. Auch andere Studien belegen diese Ungleichbehandlung.

Der Hauptgrund dafür heißt Scham. Die weibliche Brust ohne Einverständnis zu berühren gilt aus guten Gründen als tabu. Deshalb räumte bei einer Umfrage im letzten Jahr rund ein Drittel der Briten ein, Angst vor der Reanimation einer Frau in der Öffentlichkeit zu haben. 38 Prozent würden ungern einen Defibrillator bei einer Frau verwenden, da dafür die Brust frei gemacht werden muss. Von den männlichen Teilnehmern bekannte jeder dritte, sich bei solchen Wiederbelebungsversuchen vor der Beschuldigung zu fürchten, übergriffig zu werden.

„It’s okay to save my life“
Diese Umfrageresultate schärften das Bewusstsein für die Problematik und wurden auf den Britischen Inseln mit einer Aufklärungskampagne beantwortet. Mit dem Slogan „It’s okay to save my life“ warben weibliche Promis dafür, bei einem Herzstillstand die sonst gültigen Hemmungen zu überwinden und auch Frauen mit vollem Einsatz wiederzubeleben.

In Deutschland könnte die bescheidene Laien-Reanimationsquote von 55 Prozent (zum Vergleich: In Dänemark sind es 80 Prozent) ebenfalls profitieren, wenn Frauen und Männer mit Herzstillstand gleichbehandelt würden. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dorthin: Reanimationspuppen mit weiblicher Anatomie. Bisher wird die Herzdruckmassage in Erste-Hilfe-Kursen fast ausschließlich an männlich anmutenden Puppen geübt. Erst nach und nach kommen auch Puppen mit weiblichen Brüsten zum Einsatz, um die Reanimation am Frauenkörper zu normalisieren. Der in Berlin-Prenzlauer Berg tätige Kardiologe und Internist Peter Hoffmann appelliert: „Bei einem Herzstillstand zählt jede Minute – auch bei Frauen sollte jeder potenzielle Ersthelfer das Überleben priorisieren und verständliche Schamgefühle beiseiteschieben.“