Warum Melatonin-Präparate mit Vorsicht zu genießen sind
Das Hormon Melatonin erfreut sich bei Menschen mit Schlafstörungen wachsender Beliebtheit, denn es senkt die Hirnwellenfrequenz und macht zuverlässig müde. Eine neue US-Studie unterstreicht nun jedoch, dass Risiken für die Herzgesundheit nicht ausgeschlossen werden können.
Die Zahl der von Schlafstörungen geplagten Bundesbürger steigt Jahr für Jahr. Nicht nur Schichtarbeit und Fernreisen mit Zeitumstellung sorgen für unruhige Nächte, auch die allgegenwärtigen Lichtquellen und Bildschirme tragen dazu bei. Auf dem Vormarsch sind zudem, insbesondere bei jungen Erwachsenen, psychisch bedingte Schlafstörungen, die auf Ängste oder ein „Gedankenkarussell“ zurückgehen.
Abhilfe verschaffen sich viele Betroffene mit Melatonin-Präparaten, die hierzulande frei in Drogerien und Apotheken erhältlich sind, als Drops, Kapseln oder Spray. Das auch vom Körper selbst produzierte „Schlafhormon“ steuert wesentlich den Schlaf-Wach-Rhythmus und wird vermehrt bei Dunkelheit ausgeschüttet. In Studien wurde die segensreiche Wirkung von Hormonbeigaben nicht nur auf den Schlaf belegt. „Melatonin senkt die Frequenz der Hirnwellen und steigert die Müdigkeit, was sich bei vielen Menschen günstig auf die Schlafqualität auswirkt“, erklärt der Kardiologe und Internist Peter Hoffmann, der in Berlin-Prenzlauer Berg praktiziert. Und nicht nur das: Darüber hinaus sollen die geistige Leistungsfähigkeit und die subjektive Stimmung profitieren und sogar das Sehvermögen schädigende Prozesse gehemmt werden.
Um 90 Prozent erhöhtes Risiko einer Herzschwäche
Dem gegenüber steht allerdings ein bisher noch nicht hinreichend aufgeklärtes kardiovaskuläres Risiko. So wurde im November bei den Scientific Sessions 2025 der American Heart Association (AHA) eine Studie vorgestellt, die besorgniserregende Zahlen erbrachte. Ausgewertet wurden Daten von 130.000 im Durchschnitt 56-jährigen US-Amerikanern, die unter Schlafstörungen litten und zu Studienbeginn keine Herzinsuffizienz aufwiesen. Im Laufe des fünfjährigen Beobachtungszeitraums entwickelten jene Teilnehmer, die mindestens ein Jahr lang Melatonin-Präparate einnahmen, fast doppelt so häufig eine Herzschwäche wie die Vergleichsgruppe – rund 90 Prozent betrug die Risikoerhöhung. Gleich dreimal so häufig mussten die Melatonin-Anwender wegen Herzinsuffizienz klinisch behandelt werden.
Wie die Forscher betonen, ist damit kein kausaler Zusammenhang belegt, sondern lediglich die erhöhte Wahrscheinlichkeit eines gemeinsamen Auftretens. Weitere, vertiefende Forschungen dazu stehen noch aus. Grund zur Vorsicht liefert die Studie aber durchaus, zumal auch das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) seit gut einem Jahr vor der ärztlich nicht kontrollierten Melatonin-Einnahme warnt. Vor allem Typ-2-Diabetiker, Frauen mit Kinderwunsch, Schwangere und Stillende, Patienten mit Autoimmunerkrankungen, Epilepsie oder Nieren- oder Lebervorerkrankungen sowie Kinder und Jugendliche sollten gemäß BfR gänzlich auf künstlich zugeführtes Melatonin verzichten.
